Nur Idioten haben keine Zweifel

Die Parteivorsitzende hält kurz inne, denkt über die Frage des Journalisten nach und sagt dann: »Ich zweifle, ob ich das Richtige tue. Ich gebe zu, ich weiß es nicht.« Ein lautes Raunen geht durch das Publikum der Pressekonferenz. Die Augenbrauen des Fragestellers wandern in die Höhe. Andere Journalisten rutschen auf der Stuhlkante nach vorn, halten Block und Stift umklammert und formulieren schon mal im Geiste den Aufmacher der Titelseite: Parteivorsitzende vollkommen planlos! Steht Rücktritt bevor?

So liefe es wohl, wenn Politiker oder andere Entscheidungsträger vor laufenden Kameras zweifeln würden: Die öffentliche Hinrichtung ließe nicht lange auf sich warten.

Seine Zweifel öffentlich zu Gehör zu bringen, ist ähnlich deplaziert wie ein lauter Rülpser beim stillen Gebet in der Kirche.

Gefragt sind Macher und keine Zweifler. Das oberste Gebot für alle, die sich berechtige Hoffnungen auf ihre Wiederwahl machen wollen: Zweifel beiseite schieben und Gewissheit verbreiten – auch dann, wenn es nur Hoffnungen oder Erwartungen sind. Macher kennen keine Zweifel. Sie kennen keine Fragen. Sie kennen nur Antworten.

Aber all das kann nicht verdrängen, dass Zweifel zum Leben gehören. Das wissen wir spätestens seit René Descartes, dem Vater der Aufklärung: »Der Zweifel ist der Weisheit Anfang.« Ohne Zweifel gibt es keine Bewegung, nichts Neues, keinen Fortschritt. Dass der Mensch in der Lage ist, all das, was ihm seine Sinne als Wirklichkeit nahe legen, zu bezweifeln, war für Descartes ein Zeichen dafür, dass der Mensch ein Bewusstsein hat.

Wer zweifelt, denkt. Wer zweifelt, existiert.

Anders ausgedrückt heißt das: Nur der Dumme kennt keinen Zweifel. Zweifel sind kein Zeichen von charakterlicher Instabilität, sondern wertvolle Impulse für unsere Entscheidungen. Sie können schlichtweg nicht entschieden und selbstbestimmt leben, ohne Zweifel auszuhalten. Leicht ist das nicht, aber es gehört zum Leben dazu. Der Schauspieler Matthias Brandt hat das in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung so ausgedrückt: »Jeder, der alle Tassen im Schrank hat, ist doch zerfressen von Selbstzweifeln. Die Irren, die richtig Gefährlichen – das sind die, die glauben, dass sie gut sind.«

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